Der Tag der Spinnentierchen . . .

Ganz früh am Morgen, während sich

der Tag noch mühsam aus der Umarmung der Nacht schälte, begann Großmutter, mitten in der noch nachtdunklen Stube stehend, ihr Haar bis zu den

Hüften zu einem immer dünner werdenden Zopf

hinab zu flechten.

So dünn, wie es auch ihr Leben mit jedem Sekundenschlag 

der alten Küchenuhr an der Wand über ihr geworden war. Und mit jeder Bewegung ihrer Hände flocht sie auch ein paar süße Erinnerungen in ihr silbernes, an feine Spinnfäden erinnerndes Silberhaar.

Am Ende des Silberzopfes angekommen legte sie ein dünnes Gummiband über die ebenso dünnen Enden und begann, das geflochtene Haar langsam und bedächtig zu einer Gretchenfrisur um ihr Haupt zu legen, bevor sie wie jeden Tag dem dicken Holzklotz, den sie sich auf den Schoß gelegt hatte mit dem großen Messer und jahrelang geübten Handgriffen ein Spanholz nach dem anderen  entrang um damit das noch kalte Maul des gemauerten Ofens zu füttern.

Längst war es nicht nur in solch frühen Morgenstunden still geworden in dem alten Haus. Seit all ihre Kinder

bereits vor vielen Sommern nach und nach wie kleine Spinnentierchen ausströmten, um überall auf der weiten Welt selbst ihr Glück zu suchen und nur noch an ganz besonderen Tagen den Weg nach Hause fanden,

war die alte Küchenuhr meist die einzige Gesellschaft

der alten Frau.

An diesen besonderen Tagen aber waren die leeren

Räume wieder mit jungem Lachen und alten

Geschichten von früher erfüllt. Kinder tobten zwischen ihren Rockzipfeln hin und her. Enkel, die sie viel zu

selten sah und bei denen sie sich deshalb manchmal

schwer tat sich sofort zu erinnern, welches denn nun

zu welchem ihrer Spinnentierchen gehörte.

Doch das Lachen, das Trippeln kleiner Füße auf den

alten Dielen, dass sie eben noch vermeinte zu hören,

schien sich mit jeder neuen Sekunde, die die alte

Küchenuhr stoisch vor sich hin taktete, bereits wieder

mehr und mehr im Raum zu verlieren . . .

Durch die kleinen Fenster blinzelte inzwischen vorsichtig der neue Tag, der Ofen war zufrieden mit der ihm zugeworfenen Ration, hatte längst begonnen, ein

leise knisterndes Feuer in seinem Bauch zu entzünden

und das Kaffeewasser im alten Topf begann langsam

sein sirrendes Lied zu singen.

 

Der Küchentisch trug den Blumenstrauß mit Würde. Entschlossen strich sie sich die Kittelschürze

glatt.

Es wurde Zeit, auch den Brotkorb darauf zu stellen.

Heute war ein ganz besonderer Tag.

                Die Spinnentierchen kommen...